Konflikte und Dialog. Vernetzungstreffen von Migrant*innenorganisationen
Zu einem Vernetzungstreffen in Berlin kamen mehr als 30 Vertreter*innen von Migrant*innenorganisationen aus verschiedenen Bundesländern zusammen. In ihrer täglichen Arbeit begegnen sie immer wieder Konflikten. Ziel der Veranstaltung war es, besser zu verstehen, wie Konflikte in der Post-Ost-Community entstehen, welche Rollen sie spielen und was sie sichtbar macht.
Die Arbeit begann mit einer Auseinandersetzung mit dem Begriff des Konflikts selbst – und mit den Emotionen, die damit verbunden sind. Genannt wurden Angst, Wut, Furcht, Schmerz, Ohnmacht und Enttäuschung. Gleichzeitig fielen aber auch Begriffe wie Entwicklung, Chance, neue Perspektive und Befreiung. Diese Ambivalenz prägte das gesamte Treffen: Konflikt wurde zugleich als Bedrohung und als Möglichkeit für Veränderung wahrgenommen.
In der Diskussion wurde schnell deutlich, dass die Post-Ost-Community nicht homogen ist. Menschen befinden sich in unterschiedlichen Phasen der Integrationsprozesse, verfügen über verschiedene Migrationserfahrungen, Ressourcen und Grade von Verwundbarkeit – und genau darin liegen häufig Ursachen für gegenseitiges Unverständnis.
Am ersten Tag analysierten die Teilnehmenden in einem Planspiel typische Konfliktsituationen – in Teams, in Organisationen und in Familien. Reale Szenarien wurden nachgestellt, Reaktionen in Momenten der Anspannung reflektiert, Faktoren der Eskalation benannt und Ansätze gesammelt, die helfen können, im Kontakt zu bleiben. Es ging um aktives Zuhören, das Benennen von Gefühlen, die Unterscheidung zwischen persönlichen und strukturellen Ebenen sowie um Wege der Verständigung, auch wenn Positionen unvereinbar erscheinen.

Am zweiten Tag wechselte die Arbeit in ein moderiertes Gruppenformat. Die Teilnehmenden identifizierten besonders häufige und belastende Themen, fragten nach deren Hintergründen, beschrieben, wie sich diese Konflikte konkret zeigen, und entwickelten eigene Ideen, wie Spannungen reduziert und Dialoge unterstützt werden können.
Im Mittelpunkt standen Konflikte in Arbeitsteams, zwischen verschiedenen Teilen der Community sowie zwischen Generationen. Viel Raum nahmen Fragen nach unterschiedlichen Integrationsgeschwindigkeiten, nach Traumata, Sprache und Sichtbarkeit ein. Dabei wurde klar, dass viele Auseinandersetzungen persönlich wirken, tatsächlich aber tiefere strukturelle Prozesse widerspiegeln.
Als Mitarbeiter einer Beratungsstelle gegen Rechtsextremismus ist es mir wichtig, nah an den Communitys zu sein und über ihre Herausforderungen informiert zu bleiben. Die Veranstaltungen vom Bundesverband russischsprachiger Eltern e.V. bieten eine hervorragende Möglichkeit, aktuelle Informationen aus erster Hand zu erhalten, Erfahrungen auszutauschen und Kontakte zu erweitern, betonte Marat Trusov von derWuppertale Initiative für Demokratie und Toleranz.
„Nach dem Coming-out eines Jugendlichen reagieren Eltern sehr unterschiedlich – von Akzeptanz bis hin zum Abbruch der Beziehung. Ignorieren löst keinen Konflikt: Wenn ein Kind sich öffnet, sucht es einen ehrlichen, nahen Dialog. Die Verantwortung liegt bei den Erwachsenen, und wir sind bereit, sie mit Informationen und den Erfahrungen anderer Eltern zu unterstützen“, sagt Natasha von der Initiative "Offene Eltern" "Offene Eltern".
Eine zentrale Erkenntnis des Treffens lautet: Ein Konflikt lässt sich nicht einfach „reparieren“, aber man kann ihn halten – Räume schaffen, in denen Menschen mit ihrem Schmerz nicht allein bleiben, in denen es Worte für schwierige Gefühle gibt und in denen Konflikte nicht zur Zerstörung, sondern zu möglichen Wendepunkten werden.
Das Vernetzungstreffen ist Teil des Arbeitsansatzes des Projekts. Gemeinsam werden zunächst Spannungspunkte und typische Konfliktsituationen in den jeweiligen Communitys identifiziert. Anschließend können – mit methodischer Unterstützung – lokale Formate vor Ort entstehen: Gespräche, Bildungsangebote und moderierte Begegnungen. So wird Konflikt nicht tabuisiert, sondern zum Ausgangspunkt für Dialog und Veränderung in konkreten Organisationen und Regionen.
Die Arbeit findet im Rahmen des Projekts „Kooperationsverbund für Vielfalt und Zusammenhalt: Chancengerechtigkeit in der pluralen Gesellschaft“ im Bundesprogramm Demokratie leben! statt.