Unboxing PostOst: Lebensgeschichten, die nicht in eine einzige Box passen
Der BVRE veranstaltete in Berlin die Fachkonferenz Berliner Talks 2026 „Unboxing PostOst: Identitäten, Konflikte, Geschichten“. Mehr als 80 Menschen nahmen daran teil – Forschende, Journalist*innen, Vertreter*innen migrantischer und zivilgesellschaftlicher Organisationen, Aktivist*innen, Kulturschaffende und Menschen mit ganz unterschiedlichen Migrationsgeschichten. Gemeinsam diskutierten sie über Identität, Erinnerungskultur, Diskriminierung, politische Repräsentation und Konflikte, die Communities spalten.
Noch vor der offiziellen Eröffnung versammelte sich das Publikum im Foyer zur Performance „Coming In / Coming Out“ der Dragdiva Lola Camomila. Nach einer mitreißenden Musikshow legte die Künstlerin ihr Make-up und ihr Bühnenkostüm ab und blieb in einem Schrank mit ihren Gedanken und Gefühlen allein. Das Publikum sah in der Performance sowohl ein Bild der Einsamkeit als auch eine Parallele zu den Schwierigkeiten eines Coming-outs für Menschen aus postsowjetischen Ländern – und den Gedanken, dass jede*r von uns in einem eigenen Schrank steckt. Die Performance dauerte mehrere Stunden, während im Saal darüber diskutiert wurde, wie wir trotz all unserer Unterschiede lernen können, miteinander umzugehen.
In Deutschland leben mehr als fünf Millionen Menschen, deren eigene Biografien oder Familiengeschichten mit den Ländern der ehemaligen Sowjetunion verbunden sind. Dazu gehören Spätaussiedler*innen, jüdische Zuwander*innen, Geflüchtete aus der Ukraine, politische Migrant*innen, Arbeitsmigrant*innen und Angehörige jüngerer Generationen, die bereits in Deutschland geboren wurden. Sie kamen aus unterschiedlichen Ländern, zu unterschiedlichen Zeiten und aus unterschiedlichen Gründen. Sie sprechen verschiedene Sprachen, haben unterschiedliche historische Erinnerungen, politische Überzeugungen und Vorstellungen von Zugehörigkeit.
Wie schwierig es ist, derart vielfältige Communities wissenschaftlich zu untersuchen, zeigte Dr. Félix Krawatzek vom Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien (ZOiS). Er präsentierte Forschungsergebnisse, die bislang noch nicht veröffentlicht wurden. Sie zeigen unter anderem, dass eine gemeinsame Herkunft keineswegs automatisch bestimmt, welche Partei Menschen in Deutschland wählen. Bei der Bewertung von Ereignissen in den Herkunftsländern vertrauen dagegen viele Kinder auf die Einschätzungen ihrer Eltern. Dr. Krawatzek ging außerdem darauf ein, wie Fragen von Identität und Zugehörigkeit seit 2022 verstärkt für politische Einflussnahme instrumentalisiert werden, unter anderem durch Russland. Fast alle diese Themen wurden später in den Diskussionen der Konferenz wieder aufgegriffen.
Das erste Panel „Unsichtbar sichtbar? PostOst zwischen Zuschreibung und Nicht-Repräsentation“ beschäftigte sich mit der Sichtbarkeit und Repräsentation von PostOst in der deutschen Gesellschaft. Sergei Prokopkin vom Zentrum für Antislawismus Forschung berichtete, wie 2019 der Begriff PostOst entstand. Ausgangspunkt war der Wunsch, Menschen mit unterschiedlichen Migrationsgeschichten auf Grundlage einer antifaschistischen Haltung zusammenzubringen und selbst zu bestimmen, wer sie sind, statt Fremdzuschreibungen zu übernehmen.
Ani Menua vom x3 Podcast, die gemeinsam mit ihren Kolleg*innen zur Verbreitung des Begriffs beigetragen hatte, betonte, dass PostOst ursprünglich kein Identitätsbegriff, sondern ein Diskursbegriff war. Besonders wichtig sei es, PostOst nicht auf Russland zu reduzieren und dabei den Kaukasus, Zentralasien und andere Regionen auszublenden. Die Wissenschaftlerin Anastasiia Marsheva von der Justus-Liebig-Universität Gießen machte darauf aufmerksam, dass Menschen mit völlig unterschiedlichen Erfahrungen häufig gerade durch den Blick von außen zusammengefasst werden – durch das Bild des „osteuropäischen Anderen“. Nikita Heidt von Riwwel zeigte am Beispiel der Russlanddeutschen, wie viele unterschiedliche Geschichten und Identitäten sich hinter einem einzigen, scheinbar vertrauten Sammelbegriff verbergen können.
Einigkeit bestand darüber, dass die Communities die Möglichkeit haben müssen, ihre eigenen Geschichten zu erzählen, ohne auf die Stereotype reduziert zu werden, die in der deutschen Gesellschaft über sie existieren.

Das zweite Panel „Brüche, Kriege, Konflikte: Wie politische Krisen PostOst-Communities verändern“ widmete sich den Auswirkungen von Kriegen und politischen Krisen auf die Communities.
Dr. Alina Jašina-Schäfer von der Johannes Gutenberg-Universität Mainz regte dazu an, den Krisenbegriff selbst kritisch zu hinterfragen. Wer etwas als Krise bezeichnet, erzeugt damit den Druck, möglichst schnell handeln zu müssen. Dabei gerät die Komplexität der Situation oft aus dem Blick. Statt in einem dauerhaften Krisendenken zu verharren, schlug sie vor, Hoffnung als Antrieb für gesellschaftliches Handeln zu begreifen. Svetlana Müller von PANDA platforma e.V. sprach über die zunehmende Atomisierung der Gesellschaft und darüber, wie wichtig es sei, Räume für den Dialog zwischen Menschen mit unterschiedlichen Ansichten offenzuhalten.
Kateryna Rumyantseva von UA Veterans Germany berichtete, wie der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine die ukrainischen Communities verändert, das zivilgesellschaftliche Engagement verstärkt und bereits zuvor bestehende Widersprüche sichtbarer gemacht hat. Yehuda Harel Greenberg von Quarteera e.V. verdeutlichte, wie die Überschneidung verschiedener Identitäten – jüdisch, russischsprachig und LGBTQ – dazu führen kann, dass Menschen selbst aus Communities ausgeschlossen werden, die sich als offen verstehen.
Besonders kontrovers wurde über die russische Sprache diskutiert. Für die einen bleibt sie Teil der eigenen Geschichte und ein wichtiges Kommunikationsmittel, für andere ist sie mit dem Trauma der russischen Aggression verbunden. Die Teilnehmenden sprachen darüber, wie wichtig es ist, diese unterschiedlichen Erfahrungen zu respektieren, ohne von allen dieselbe Haltung zu Sprache, Geschichte und eigener Identität zu verlangen.
Eine politische Perspektive brachte die Bundestagsabgeordnete Kathrin Gebel (Die Linke) ein, die in einer Spätaussiedlerfamilie aufgewachsen ist. Sie war die Einzige der eingeladenen Bundestagspolitiker*innen, die zur Konferenz gekommen war. Die Bundestagsabgeordnete betonte, dass es den Communities nicht an Selbstbewusstsein fehle, sondern an tatsächlicher politischer Beteiligung und Mitgestaltung. Journalistin und Redakteurin der Zeitschrift DIE ZEIT Anastasia Tikhomirova, die durch die Konferenz führte, stellte ihr mehrere kritische Fragen, die auch das Publikum beschäftigten: zu Waffenlieferungen an die Ukraine, zum Kampf gegen Antisemitismus und zur politischen Repräsentation der PostOst-Communities.
Die Auseinandersetzung mit Sichtbarkeit, Stereotypen und der Fähigkeit, einander zuzuhören, wurde in drei Workshops vertieft. Die Teilnehmenden beschäftigten sich damit, wie sie ihre eigenen Geschichten erzählen, Antislawismus erkennen und schwierige Gespräche in polarisierten Zeiten führen können. In der abschließenden Fishbowl-Diskussion „Unboxed – und jetzt?“ hatten alle Interessierten die Gelegenheit, ihre Eindrücke, Erkenntnisse und auch Meinungsverschiedenheiten miteinander zu teilen.
„Ich vergleiche PostOst gerne mit jenem Teppich, der früher bei allen an der Wand hing: Er ist aus vielen verschiedenen Fäden, Farben und Mustern gewebt. Jeder Faden hat seine eigene Geschichte, und keiner sollte seine Besonderheit zugunsten des Gesamtbildes verlieren. Was uns verbindet, ist nicht eine gemeinsame Herkunft, Sprache oder politische Haltung, sondern unter anderem die Erfahrung, wie wir in der deutschen Gesellschaft wahrgenommen werden. Und wir wollen nicht einfach nur Teil dieser Gesellschaft sein, sondern selbst mitgestalten, wie sie sich entwickelt. Dafür ist es wichtig, nicht nur darüber zu sprechen, was uns verbindet, sondern auch zu lernen, unsere Unterschiede und Widersprüche auszuhalten“, sagt Anastasia Sudzilovskaya, Leiterin des Projekts „Kooperationsverbund für Vielfalt und Zusammenhalt: Chancengerechtigkeit in der pluralen Gesellschaft“ im Bundesprogramm „Demokratie leben!“, in dessen Rahmen die Berliner Talks stattfanden.
Die Ergebnisse und Materialien der Konferenz werden aufbereitet und auf der Website des BVRE e.V. veröffentlicht.